

KOLUMNE: Liebes Tagebuch...
Ich wohne zusammen mit einem Freund, mehreren Tieren
und einer Masse von Pflanzen, die einem Dschungel
Konkurrenz machen würde. Das Ergebnis ist ein Lebensraum,
der nur von Mutigen betreten werden kann,
die sich todesmutig mittels einer Machete durch meine
private Wildnis schlagen.
Trotzdem gehen unserer WG die Besucher niemals aus,
da mein Mitbewohner Kai - dreißig, schwul und ausgestattet
mit dem Paarungsinstinkt einer schwarzen
Witwe – einer von den „Komm doch mit zu mir, morgen
gibt’s auch Frühstück“-Abschleppern ist - postkoitale
Gastlichkeit ohne Grenzen.
Gestern Morgen quäle ich mich nach einer kurzen
Nacht aus dem Bett. Als ich nur in Shorts ins Wohnzimmer
komme, sitzt dort ein fremder Mann. Nicht,
dass mich so etwas vom Hocker hauen würde, ich wäre
wahrscheinlich überraschter, wenn das Wohnzimmer
leer wäre. Kais aktueller FOP. Auf den Begriff FOP haben
wir uns irgendwann geeinigt, als klar wurde, dass
mein Namensgedächtnis zu schlecht ist und nicht jeder
nächtliche Besuch klar damit kommt, von mir Chris
genannt zu werden (etwa 67 Prozent aller One Night
Stands heißen klassischerweise Chris oder nennen
sich so, aber das lässt immer noch Spielraum für 33
angepisste Prozent, die sich fragen: „Warum zur Hölle
nennt mich dieses verpennte Arschloch in Boxershorts
Chris?“) Da alle diese Chrisse oder auch Nicht-Chrisse
für Kai unter der Optionssammlung Freund/One Night
Stand/Partnerschaftsanwärter liefen, fassten wir sie
unter dem Begriff FOP zusammen.
Ich gähnte in Richtung Couch. „Morgen, FOP.“
Er blinzelte kurz überrascht, dann nickte er mir zu
„Morgen.“ FOPs reagieren immer so. Wahrscheinlich
findet er mich spontan ätzend, aber so empfindet
jeder, der mich morgens trifft. Ich bin genetisch auf
Morgenarschloch programmiert.
Im Flur ziehe ich mir die Shorts aus und schlurfe ins
Bad. Ich stehe schon halb in der Dusche, als mir durch
den Morgennebel in meinem Kopf langsam bewusst
wird, dass da jemand auf der Toilette sitzt. Und zwar
nicht Kai. Ein Fremder. Noch ein FOP. Verdammt, offensichtlich
hatte Kai gestern Nacht der offenen Tür.
Ich nicke ihm zu. „Morgen, FOP.“
„Morgen.“
Wir starren uns an, während in mir das dringende
Gefühl wächst, etwas Erklärendes sagen zu müssen.
Schließlich schaue ich skeptisch an mir herunter.
„Ich zieh mir wohl mal besser ne Shorts an.“
Er nickt, ein wenig überfordert.
Ich bin grad im Flur bei meinen Shorts angekommen,
als es klingelt. Ich drücke die Tür auf und kurz darauf
schwingt sich ein dynamischer Mittdreißiger die Treppe
herauf, in der Hand eine Tüte mit Brötchen. Oh Shit. Kai
hatte gestern Nacht das Rundum-Wohlfühl-Paket.
Er kommt herein und lächelt mit professionell gebleachten
Zähnen. Bestimmt so ein nerviger Kerl aus der
Werbung oder vom Fernsehen.
„Guten Morgen!“
„Morgen, FOP.“
Er stutzt, aber das nervige Grinsen bleibt vor Ort.
„FOP?“
„Frag Kai.“ Ich will Kaffee.
Es klingelt wieder. Mir reicht’s. Ich schlage mit der
Faust kurz auf den Türöffner, reiße die Tür zum Flur auf
und rufe die Treppe runter: „Nehmt euch doch einfach
einen Schlüssel nach dem Sex mit, ihr blöden FOPs!“
„Entschuldige mir bitte, was?“
Verdammt! Es ist Donnerstag. Im Flur steht, pummelig,
graue Löckchen, Damentrenchcoat, große Brille und
geschockter Blick, Franziska, unsere rumänische Putzfrau.
Ich winke sie hoch. „Ist schon ok. Kommen Sie
einfach rein.“
Die FOPs haben in der Zwischenzeit schon Frühstück
gemacht. Als ich herein komme, stellen sie sich vor:
Zwei von ihnen heißen Chris und sie können sich gar
nicht genug über diesen unglaublichen Zufall kaputtlachen.
Währenddessen schnappt sich FOP Nummer drei
(der Nicht-Chris, wahrscheinlich ein Tim, Tom oder Toby)
meine Frühstücksschokopops – überlebenswichtig
– und schüttelt sich die letzte Portion aus der Tüte
in seine Schüssel. Könnten Blicke töten, würde von ihm
nichts als eine dampfende Schleimspur auf dem Sofa bleiben.
Aber so entscheide ich mich für eine spirituelle Lösung:
Ich setze mich buddhistisch-meditativ im Schneidersitz
auf die Couch, um beim Kosmos nach guter Energie
und vielleicht einer kleinen Portion Schokopops
anzufragen. Kaum habe ich es mir bequem gemacht, als
es im Raum schlagartig still wird. Ich schaue mich irritiert
um, als Franziska hereinkommt, laut gackernd zu
lachen beginnt und auf meine Shorts zeigt. „Loch!“
Ein Blick bestätigt mir: Sie hat den Nagel auf den Kopf
getroffen. Genau dort, wo sie es besser nicht sein sollten,
sind meine Shorts großflächig gerissen. Mit perfektem
Panoramaeinblick für alle FOPs.
Mit einem letzten Rest von Würde nicke ich Franziska
dankend zu und verlasse den Tisch. Mit dem festen
Vorsatz, in Zukunft ein wenig Chaos in meinem Leben
zu beseitigen.
Und mir neue Shorts zu kaufen.
Dein Lars
(LL)























