

Die manchmal perverse
Sehnsucht nach Normalität
Ich gebe es offen zu: Als vor ein paar Jahren Freunde anfingen, von „Straight Acting" zu reden, da da dachte ich, das sei einer dieser Modetrends, der bald wieder vorbei sein würde. Man kennt das ja: Heute cool, morgen schwul. Oops, das war jetzt wohl politisch unkorrekt. Ganz nach dem Motto: Wir haben die Popper überlebt, mit den Straight-Acting-Typen werden wir auch fertig. Tja, wie man sich doch täuschen kann.
Im Jahre 2008 nach Christus, im Jahr 63 nach Ende der NS-Verfolgung, 14 Jahre seit Abschaffung des Strafrechtsparagraphen 175, im siebten Jahr nach Inkraftreten des Lebenspartnerschaftsgesetzes und ein Jahr nach Verabschiedung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes sind Schwule und Lesben in Deutschland endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und in dieser Mitte herrscht spießige Normalität.
Liest man sich die jüngsten Leserbriefe von Schwulen (!) im Kölner Stadt-Anzeiger zum CSD in der Domstadt durch, so wird eine fast schon perverse Sehnsucht nach Normalität deutlich. Da distanzieren sich Homosexuelle von ihren Artgenossen, entschuldigen sich gar für deren „entblößte Hintern", zeigen sich beschämt bis angewidert und stellen die Teilnahme verschiedener Gruppen mit speziellen Vorlieben prinzipiell in Frage. Wie passend für eine Demonstration, die sich eigentlich dem Motto „Null Toleranz für Null Toleranz" verschrieben hatte. Offenbar ist in der schwulen Szene selbst Toleranz eher Mangelware. Immer wieder klingt durch: „Wir sind doch ganz normal. Warum müssen andere Schwule nur so offen und provozierend auftreten und damit unserem Ruf schaden?" Oder noch kürzer: „Wenn wir schön still sind, möglichst wenig auffallen, unseren Sex im Verborgenen praktizieren und uns genauso wie die Heteros verhalten, dann werden wir auch toleriert."
Bei manch einem dieser Leserbriefe verschlug es mir glatt die Sprache. War es das, wofür ich die letzten 20 Jahre gekämpft hatte? Gleichmacherei statt Akzeptanz? Ihr werdet assimiliert: Widerstand ist zwecklos!
Im Nachhinein scheinen mir die Warnungen vom links-alternativen Spektrum gar nicht mehr so abwegig, die Homo-Ehe sei ein trojanisches Pferd. Der Druck auf all jene Schwule, die nicht in traditionellen Paarbeziehungen leben (wollen) werde durch sie nur noch größer. Damals habe ich nur verständnislos den Kopf geschüttelt.
Vielleicht aber lag ich damit falsch...
Von MARC KERSTEN






















